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Präzision auf dem Setzschiff serviert

Neue Serie: Grafik einst und jetzt

Präzision auf dem Setzschiff serviert
Foto: © wikipedia/Willi Heidelbach

Vor einigen Jahren wollte ich mich im Bereich Typografie und digitale Tools weiterbilden. Recherchiert, Kurs gefunden, eingebucht, am ersten Abend pünktlich im Lehrsaal erschienen … „Was möchtest du noch von mir lernen?“ Die Frage des Lehrgangleiters war doch überraschend – auch wenn es nicht mein erster Lehrgang beim großartigen Michael Karner war. Denn lernen kann man in jedem Moment, und auch nach über 35 Jahren als Gestalter ist es wichtig, sich weiterzuentwickeln und erworbenes Handwerk in heutiges (und zukünftiges) Tun zu transformieren.

Keine Angst, das wird jetzt keine romantisierende Abhandlung über eine alte Disziplin. Mich interessiert vielmehr, wo und wie das Wissen aus früheren Techniken unser Schaffen in der digitalen Welt beeinflusst und unterstützt – denn ja, das tut es, wenn wir uns die Zeit nehmen und unsere handwerkliche Vergangenheit ernst nehmen. Im Bleisatz gibt es nichts „Abstraktes“: Schriftwahl, Schriftgrößen, Zeilenabstände, Auszeichnungen, Zeilenlängen, Linksbund, Blocksatz: Jede Überlegung muss geprüft, entschieden, gesetzt werden. Selbst der Weißraum ist nicht bloße Theorie, sondern Teil des Ganzen. Genau darin liegt der Wert. Bleisatz zwingt die Gestalterin oder den Gestalter dazu, genauer hinzusehen.

Wahl schafft Möglichkeiten
Wer einmal mit Lettern (und ich meine echte Bleilettern) arbeitet, merkt rasch, dass Gestaltung nicht aus unbegrenzten Möglichkeiten entsteht, sondern aus bewusster Wahl. Nicht jede Lösung passt. Nicht jede Idee wird besser, nur weil sie sich digital noch fünfmal variieren lässt. Hier gibt es kein „beiläufiges Herumschieben“. Es gibt Entscheidungen – und mit ihnen etwas, das im digitalisierten Alltag leicht verloren geht: Disziplin. Nicht Strenge, sondern als Ausdruck gelebter Aufmerksamkeit.

Die Auseinandersetzung mit traditionellem „Grafik“-Handwerk ist auch heute wichtig.

Wahrscheinlich ist es genau das, was mich daran bis heute beschäftigt. Egal ob in Workshops, beim Besuch in Werkstätten, in Gesprächen und natürlich auch mit Blick auf digitale Gestaltung – es taucht immer derselbe Gedanke auf: Gute Gestaltung ist niemals oberflächlich. Sie ist Ordnung, Rhythmus und Verantwortung. Wer sich ernsthaft mit den Ursprüngen unserer Schrift auseinandergesetzt hat, erkennt, welche Zeilenlänge beim Lesen unterstützt, wie viele Schriftschnitte es braucht, um Texten Hierarchie zu geben, oder welche Schrift welchen Inhalt transportiert. Gerade deshalb ist die Auseinandersetzung mit traditionellem Handwerk auch heute wichtig. Nicht, weil wir „zurück zum Blei“ müssten. Sondern weil sich dort Grundfragen zeigen, die auch in der digitalen Gestaltung gelten, und zwar egal ob wir für Print oder Online gestalten und egal in welchem Tool – ob InDesign, Canva oder VivaDesigner. Wie lang darf eine Zeile sein, bevor diese die Leserin, den Leser ermüdet? Wie viel Abstand braucht ein Text, um zu wirken? Wann strukturiert eine Auszeichnung, wann stört sie? Welche Schrift trägt den Inhalt, statt sich vor ihn zu drängen? Der deutsche Typograf und Gestalter Erik Spiekermann macht in seinem Standardwerk „Stop Stealing Sheep & find out how type works“ sinngemäß deutlich, dass ein lesbarer Satz von wenigen Grundprinzipien abhängt – vor allem vom Raum zwischen den einzelnen Buchstaben und rund um die Wörter. Wer Typen sprichwörtlich begreift, versteht dadurch auch, dass Fotosatz, Desktop Publishing und aktuelle digitale Systeme diese Fragen nie abgeschafft haben. Sie haben diese nur beschleunigt.

Entscheidungskraft hinterlässt Eindruck
Selbiges gilt natürlich auch für die Gestaltung von Websites, Interfaces und digitalen Kommunikationsmitteln. Richtig: Dort lesen wir anders als auf Papier, aber (hoffentlich) nicht weniger beliebig. Gute, richtig angewandte Typografie strukturiert, priorisiert und erzeugt Rhythmus und Vertrauen. Sie entscheidet mit darüber, ob Inhalte ruhig, glaubwürdig und zugänglich wirken oder doch nur hektisch, beliebig und anstrengend. Ob mich eine Startseite dazu animiert, weiterzuscrollen, ob ein Fließtext auch am Handy lesbar bleibt oder ob eine Schaltfläche überhaupt wahrgenommen wird, hängt eben nicht nur vom Inhalt ab, sondern auch davon, von welchem Verständnis für Typografie dieser getragen wird. Digitale Tools können dabei helfen – auch dabei, Entscheidungen zu automatisieren. Was sie aber nicht können, wie schon in meinem Vortrag beim Werbemonitor Live ausgeführt: Sie können uns keine Entscheidungen abnehmen und schon gar nicht die Verantwortung für diese Entscheidungen übernehmen! Typografisches „Gespür“ bleibt Handwerk – auch dann, wenn kein Setzschiff mehr auf dem Tisch liegt.

Für mich zeigt sich genau hier, wie diese alte Technik uns auch noch in Zukunft unterstützen kann: Gute Gestaltung beginnt nicht mit Effekten, sondern mit Entscheidungskraft. Sie zeigt sich in der Genauigkeit, im Respekt für Inhalte und in der Aufmerksamkeit für die Leserinnen und Leser. Alte Techniken lehren uns nicht, rückwärtsgerichtet zu denken oder zu arbeiten. Sie lehren uns, in der Gegenwart präziser und verantwortungsvoller zu entscheiden.